Herzlich willkommen

Herzlich willkommen auf unserem Hochzeitsreise-Blog! Auf dieser Startseite findet ihr jeweils die aktuellsten Berichte, was älter ist, liegt im Archiv. Doch nicht nur Berichte und Bilder von der Hochzeitsreise sind hier zu finden, man kann auch die Hochzeit selbst nachklingen lassen: Bilder anschauen, helfen, durcheinander geratene Geschenke zuzuordnen und einiges mehr. Viel Spass!

Herzlich von irgendwo aus der Welt

Hanna und Timo

Schaut auch unsere Fotos an.

Auch die längste Hochzeitsreise…

Freitag, den 16.7.2010
…geht einmal zu Ende. Nach viereinhalb Monaten haben wir wieder norddeutschen Boden unter den Füssen. Herzlichen Dank für alles Mitgehen, alle anregenden und ermutigenden Rückmeldungen – sie haben uns zum Fotographieren und Schreiben motiviert. Wir hoffen sehr, Euch live und in Farbe wieder zu sehen – wo und wann auch immer sich unsere Weg kreuzen mögen…
Herzlich aus Buchholz
Timo und Hanna

Schwarz-Weiss

Montag, den 12.7.2010
Timo beugt sich über die Karte. „Wir müssen nur bis zur 125. Strasse fahren, dort in einen Bus umsteigen und schon sind wir auf Randall Island. Dort soll der Minigolfplatz sein.“ Wie auch immer die Idee in unseren Kopf kam, hier in New York Minigolf spielen zu wollen – sie beschert uns offensichtlich gewisse Reisezeit. Ich öffne den Lonely Planet und betrachte die Karten, die er zu bieten hat. „Das ist tiefstes Harlem, Timo.“ Harlem – das schwarze Herz New Yorks, Harlem – das Quartier, welches seinem schlechten Ruf zum Trotz heute ähnlich sicher sein soll wie die meisten anderen Quartiere New Yorks. „Obwohl es dort noch einige sehr verlassene Ecken gibt“, wie der Lonely Planet anfügt.

Die 125. Strasse stellt sich als Manhatten der anderen Art heraus. Keine Touristen, keine Wolkenkratzer mehr, dafür ein-, vielleicht zweistöckige Häuser; auf den Strassen liegt Abfall. Die Polizeipräsenz ist relativ gering, die Zahl der Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, relativ hoch. Als Weisse sind wir die Ausnahme. Wir machen uns auf die Suche nach unserem Bus M35. Nach zehn Minuten stossen wir auf eine Bushaltestelle, die mit keinem Schild verrät, welche Linien hier fahren. Also wendet sich Timo an einen Mann. Ich bekomme von der Konversation nicht viel mit, aber das Wort „homeless“ erreicht mein Ohr. „Der Bus fährt nicht hier, sondern vorne an der Metrostation, wo wir ausgestiegen sind“, berichtet mir Timo hinterher. „Und was hat er über Obdachlose gesagt?“, frage ich. „Er fragte, ob ich die M35, den Obdachlosenbus meine.“ Leichtes Unbehagen steigt in mir auf.

Es verlässt mich auch nicht, als wir den Bus gefunden haben. Lonely Planet hin oder her, wir spazieren hier mit dem baren Erlös unseres VW-Busses herum. Und wir sind nun wirklich nicht unauffällig. Weiss sticht hervor. Ich betrachte die Mitfahrenden. Bis auf einen asiatisch aussehenden Mann alles Afroamerikaner. Ein oder zwei mögen über fünfzig sein – sie werden noch die Zeit vor Martin Luther King erlebt haben. Die Zeit, in der Schwarze nicht die gleichen Busse benutzen durften wie Weisse, die Zeit, in der rassistische Gesetze die Gesellschaft bestimmten, die Zeit, in der Schwarzen finanzielle und soziale Aufstiegsmöglichkeiten offen verwehrt wurden. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut – für einmal wörtlich genommen. Die Armut der Bevölkerung hier ist Folge von weissem Sklavenhandel, Kolonialismus und Rassismus. Gefühle steigen in mir auf, wie ich sie in Israel kennen gelernt habe. Als Deutschstämmige unter Juden, als Weisse unter Schwarzen – man fühlt sich mit-verantwortlich, mit-schuldig für Taten der eigenen Vorfahren. „Nein, das stimmt nicht“, denke ich. „In die deutsch-jüdische Geschichte mögen meine Vorfahren verwickelt gewesen sein, aber als Russlanddeutsche, Preussen, Süddeutsche oder Berner Bergbauern gehörten sie nicht zu den Kolonialmächten. Und: Soweit ich meinen Stammbaum kenne, gibt’s da keine einzige Auswanderung in die Vereinigten Staaten.“

Inzwischen ist der Bus losgefahren und in den Trubel des Verkehrs eingetaucht. Warum mache ich mir überhaupt solche Gedanken?, frage ich mich. Gehöre ich nicht einer Generation an, die Kategorien wie „Schwarz“ oder „Weiss“ vergessen haben, unterschiedliche Hautfarben gar nicht mehr wahrnehmen sollte? Unser Bus verlässt die Brücke und fährt auf Randall Island ein. Alte Industrieanlagen, Gebüsch, Autobahnbrücken – die Insel wirkt verlassen. Doch nicht ganz: Immer wieder zeigen sich hinter hohen Gittern oder Zäunen Sportanlagen. Baseball, Tennis, Golf, Minigolf – hier kann man spielen, was das Herz begehrt. Schulklassen und vornehmlich Weisse nutzen diese Anlagen. Nur: Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man nicht. Wer hier Sport macht, fährt mit dem eigenen Auto vor. Die Sportanlagen wirken wie Inseln in einer Welt, die andere Probleme kennt.

Wir halten vor dem Arbeitsamt. Dann vor einer Einrichtung, die wir nicht ganz definieren können: Spital, Obdachlosenheim, Psychiatrie? Der Busfahrer wird aktiv. Unter den rund zehn Leuten, die hier zusteigen wollen, befinden sich zwei Rollstuhlfahrer. Der Busfahrer lässt eine Rampe runter, schiebt die Stühle in den Bus, sorgt dafür, dass die beiden Rollstuhlfahrer bequem sitzen und befestigt die Stühle wegrollsicher. Dann lässt er die anderen einsteigen. Nicht alle haben ein Ticket, doch das wird nicht thematisiert. Hier darf jeder mitfahren. Wer nicht zahlen kann, lässt es halt bleiben. Ich bin beeindruckt.
Es ist nicht das letzte Mal, dass wir solche Grosszügigkeit erleben. Zwei Tage später – in dem wiederum vornehmlich schwarzen Südost-Brooklyn – kommen wir vor eine Busfahrerin zu stehen, deren Gefährt uns zum Flughafen bringen soll. Die gute Frau merkt schnell, dass wir das Ticketsystem nicht wirklich begriffen haben. Und als nächstes merkt sie, dass wir nicht genügend Münzgeld haben, um den anfallenden Fahrtarif zu entrichten. Scheine nimmt das Ticketgerät nicht. „Don’t bother“, sagt sie mit einer lässigen Handbewegung. Einfach einsteigen und hinsetzen. War es Mitleid mit unserer Münzlosigkeit oder Mitleid mit unserem schweren Gepäck? Während der Bus über die Strassen rumpelt, schiebe ich die Frage beiseite und beginne, Ausschau nach dem Flughafen zu halten. Schon in wenigen Stunden werden wir in einer so anderen Welt sein…

Relativ zur Relation

Mittwoch, der 7.7.2010

Betrachtet man die westliche Hemisphäre, so steht das höchste Gebäude in Chicago (wie sich die westliche Hemisphäre genau bestimmt, ist uns bisher allerdings noch nicht ganz klar, dreht sich unser Planet doch um die Nord/Süd-Achse). Chicago hat auch die größte Bibliothek, fügt man das kleine Wörtchen “public” hinzu. In Washington konnten wir uns damit rühmen, in einer Stunde fast die Hälfte einer U-Bahn Linie abgelaufen zu sein. Und diese U-Bahn ist doch immerhin das zweitgrößte U-Bahnnetz der USA. Denn andere Städte wie St. Francisco nennen ihr U-Bahnnetz “Train” und nicht “Subway”. Washington hat noch einen anderen Superlativ: Zwei Pandabären wohnen in seinem Zoo, und die Pandabären sind die bekanntesten der gefährdeten Tierarten weltweit. Einen weiteren Superlativ durften wir bestaunen: Der General Sherman Tree ist der größte Baum der Welt – von seinem Umfang und Volumen her. Und in Kanada, Whistler, konnten wir mit der längsten und höhsten Seilbahn der Welt fahren – die längste und höchste ihrer Bauweise. Lustigerweise waren Österreicher und Schweizer die Erbauer dieses Meisterwerkes.
Die Zahl der Bauwerke, die „damals“ – zur Zeit ihrer Erbauung – einen Superlativ vorweisen konnten, ist ebenfalls beachtlich und nicht in Vergessenheit geraten. Wir haben gelernt: Die Amerikaner sind Freunde des Superlativs.
Und wenn auch die wahren Bau-Superlative heute in Asien und im Orient zu finden sind, so haben wir die relativen Superlative hier doch sehr genossen.

Littering

USA, 2010

Nach 21.000 km Straße gilt es Folgendes festzuhalten:
Nachdem Theodor Roosevelt die USA mit einem Netz von Interstate Highways zusammengeschweißt hatte, stellte er sie vor eine nie dagewesene Frage: Wie nur mit dem Müll an den Autobahnrändern umgehen? Einig wurde man sich mehrheitlich in dem Punkt, dass “Littering” unter Strafe zu stellen sei. Die Höhe der Strafe variiert allerdings und hängt offenbar auch von der Selbtachtung der einzelnen Staaten ab. So kostete Littering in Kalifornien $1000, in Nevada und Arizona $500, in Utah und Wyoming $300, in Montana $100, in Washington noch $10 und Idaho ist – Schildern am Strassenrand zufolge – einfach nur:”To great to litter”.

Men in White

Sonntag, den 4.7.2010

“Excuse me Sir, how can we get to the Obelisc?” Der Herr in weissem Hemd, der hinter der Absperrung steht, schaut mich etwas veblüfft an. Es stellt sich heraus, dass er den riesigen Obelisk, der hinter seinem Rücken in den Himmel ragt, unter der Bezeichnung “monument” kennt und dass man einige hundert Meter entfernt die Absperrung durchqueren kann. Allerdings mit Sicherheitskontrolle, da wir hier Nationalfeiertag schreiben und der riesige Park für das Feuerwerk abgesperrt worden ist. “Ähm”, setzt Timo neben mir etwas zögerlich an, “I have a swiss army knife, is that a problem?” “Oh no!”, lacht der Sicherheitsbeamte mit Blick auf das rote Etwas, das Timo ihm unter die Nase hält. “Just dont use it on anybody.” Mit einem Lachen verlassen wir diesen Herrn in Weiss.

Nur wenige Stunden später werden wir wieder an einen heran geschoben. Wir sind am Eingang des naturhistorischen Museums und die Schlange drückt. Dieses Mal, so sagen uns die Anweisungen, sind Taschenmesser nicht erlaubt. Wir stopfen unseres also schnell in den Rucksack und beobachten, wie der Herr in Weiss diesen durchsucht. Er tut es mit einer Art vergrössertem Essstäbchen und er tut es oberflächlich: Unser gutes Stück wird vom Museumsbesuch nicht ausgeschlossen. Diesen Herrn in Weiss verlasse ich dankbar – seine schnelle Kontrolle hat lange Wartezeiten verhindert und uns unser Taschenmesser gelassen.

“Hanna, weisst du was?” In Timos Stimme höre ich leichtes Entsetzen. “Ich glaube, wir haben das Weisse Haus verwechselt!” Ich schaue auf die Karte. In der Tat, das Haus, welches wir bisher für das Weisse Haus hielten, als solches fotographiert und bewundert hatten, ist nichts als ein grosses Bürogebäude. Zu dumm: Fotos vom falschen Haus. Es hilft nichts – trotz 38 Grad im Schatten müssen wir 20 Zusatzminuten laufen. Wir folgen den Leuten vor uns und bleiben vor dem hohen schwarzen “Gartenzaun” des berühmten Hauses stehen. Doch nicht lang: Während Timo noch an seiner Kamera die Einstellungen prüft, beginnen zwei Herren in Weiss deutliche Anweisungen zu geben. “Go away, no photos!” Ohne es zu merken, sind wir in die eigentlich für Normalbürger gesperrte Zone geraten und werden nun mit etwa 20 anderen Touristen zusammen wieder evakuiert. Zwanzig Meter und zwei Zäune weiter hinten bauen wir uns wieder auf. Ein weiterer Herr in Weiss kommt angeradelt. Hält an. Beobachtet die fotographierenden Touristen und ruft plötzlich unerwartet: “No more photos. Go away! This area is now closed.” Für ein Foto hat es dieses Mal gereicht. Wir verlassen den Schauplatz etwas erstaunt.

Etwa eine halbe Stunde später sitze ich zwischen weissen Marmorsäulen auf Marmorplatten und geniesse Aussicht und Schatten, die mir das Lincolndenkmal spenden. Timo hat es sich trotz Hitze nicht nehmen lassen, das Monument ausgiebig zu fotographieren. Und ich mache Pause. “Everything alright?” Ich drehe mich um. Hinter mir steht wiederum ein Herr in weissem Hemd und schaut freundlich auf mich herunter. “Yeah” sage ich etwas überrascht. “Not suffering too much under the weather?”, fragt er nach. “Im fine. I drink a lot.” “Good for you” sagt er und setzt seinen Rundgang fort. “Nicht schlecht”, denke ich. “Die Sicherheitsbeamten hier scheinen nicht nur um die Sicherheit ihres Volkes und Präsidenten, sondern auch um den Gesundheitszustand ihrer Touristen besorgt.”

Fantastisch

Donnerstag, den 1.7.2010

Nur so kann ich wohl ausdrücken, was wir gerade erleben. Es ist real, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Seit zwei Tagen sind wir nun in New York und es kommt mir vor, als sei ich hier zu Hause, obwohl ich den Financial District bisher nur von der Dachterrasse aus gesehen habe. Diesen Blick verdanken wir unserer Wohnung: Gleich neben dem Empire State Building leben wir gratis in einem 10. Stock. Es ist ein Appartment mit Bar. Und unten am Eingang wird man von drei Portiers begrüßt.

Und so fing alles an: Gestern um 13h standen wir in einem Stau auf der 7th Avenue mitten auf dem Time Square. Wir waren 29 Blocks entfernt von der Nummer 252, wo wir um diese Uhrzeit hätten sein sollen. Nicht so schlimm, dachten wir, der Mann, mit dem wir uns treffen sollten ist Südamerikaner, da wird eine kleine Verspätung wohl drin liegen. Pustekuchen: Prompt um 13:01 klingelte unser Handy. Ezequiel wollte wissen, wo wir sind. ER war pünktlich, wusste er doch, dass er sich mit Deutschen trifft. 15 Minuten später trafen wir also den 25jährigen Lockenkopf, um dann noch einmal eine halbe Stunde zu warten. Ezequiel hatte nämlich seinen Freund Matti hergebeten, der ihn beim Autokaufen beraten sollte. Doch Matti stand – aus Brooklyn kommend – mit einem Taxi im Stau auf der Brooklyn Bridge. Und das gleich zweimal: Unser Weg zur Werkstatt, wo der Autocheckup stattfinden sollte, führte ihn nämlich wieder über die Brooklyn Bridge nach Brooklyn zurück. Matti sagte dazu mit Blick auf Ezequiel nur: „And this little fellow here just told me to come to his place…!?“; der Unterton war unüberhörbar. Und weil es sich auf der Brooklyn Bridge so gut und lange steht und man gut und lange ins Reden kommt, lud uns Ezequiel vorerst in seine Wohnung ein.

Da kamen wir um 20h an. Yair Shwartz wartete schon am Eingang auf uns. Und mit ihm nahm der Abend eine überraschende Wendung. Wir saßen für den Rest des Abends auf dem Sofa und guckten uns auf dem Beamer einzelne Filmsequenzen – „Shots“ – an. Yair hatte nämlich nur einen Monat zuvor zusammen mit Ezequil als Kamerachef seinen neusten Film gedreht, mit dem er eines der internationalen Festivals gewinnen möchte. Es soll der Einstieg in die Filmbranche Hollywoods sein. Wir waren bei angehenden Filmregisseuren gelandet.
Der Film war komplett analog aufgenommen und an vielen Stellen aufgrund der manuellen Objektive und der dunklen Räume etwas unscharf – „soft“ – geworden. Jede Szene wurde diskutiert. Wo lag das Problem? Ist das Material brauchbar oder nicht? Mattis, von Beruf Fotograph, assistierte. Wie gut, dass die meisten Shots aus verschiedensten Blickwinkeln gedreht worden waren und es so fast immer etwas Brauchbares gab. Ich weiß wirklich nicht, wie oft ich an diesem Abend gehört habe: „It’s ok, I just need 2 seconds out of this shot.” Und das, nachdem Yair Tausende von Dollar in diese mehreren Stunden Filmmaterial investiert hatte. Es war ein Intensivkurs in angewandter Dramaturgik. Im August soll der Film rauskommen – wir sind schon jetzt gespannt, welche Szenen wir wiedererkennen werden. Immerhin soll der Film nur 15 Minuten dauern.

Bevor wir in das touristische Standardprogramm einsteigen können, müssen wir noch zwei Nächte in dieser Filmwelt und Edelwohnung bleiben: Ezequiel und die meisten seiner Freunde sind nämlich Argentinier und den Weltmeisterschafts-„Classico“ Argentinien-Deutschland mit Deutschen zusammen zu schauen, wollen sie sich nicht nehmen lassen. Immerhin ist Ezequiels Vater doch Manager im brasilianischen Fußball und daher ist in der Familie Arribas Fussball Pflichtveranstaltung.

Der Autodeal ist schon heute über die Bühne gegangen und das Hotel für die Tage nach dem Classico bereits gebucht – zum Glück…

George und Chicago

Freitag, den 25.6.2010

Erinnerungen an die Kindheit werden wach, als ich den Schaffner sehe, der in Uniform durch das Abteil unseres ältlichen Zuges geht. Er scheint dem Bilderbuch entstiegen: Grüne Schirmmütze, weisses Hemd, graue Hosen, den Knipser in der rechten Hand. Hier gibt es keine Ticketautomaten, nur Schalter. Und ausschliesslich Papierbillette, von denen jedes einzelne sorgfältig abgeknipst werden will. Es braucht eine Weile, bis sich der Schaffner so durchs Abteil gearbeitet hat, aber das macht nichts. Unser Zug hält an jeder Milchkanne, legt hin und wieder eine Pause ein und scheint für die Geschwindigkeit von 30 kmh konzipiert. Also hat der Billeteur unendlich Zeit, um zwischen Joliet und Chicago Billetts zu knipsen. Und auch noch für mehr: Dem kleinen Mädchen, das unbedingt ein Foto von sich mit seiner schicken Mütze möchte, leiht er das gute Stück, ihrem kleineren Bruder erklärt er, dass jeder Fahrgast ein Ticket brauche und stellt dem kleinen Knopf ein Kinderticket aus. Gemütlichkeit, wie ich sie nur noch von früher her kenne.

Wir kommen in einem anderen Jahrhundert an: Das Zentrum von Chicago, in dem unser gemütlicher Zug hält, tickt anders. Tiefe Strassenschluchten zwischen Wolkenkratzern, wie man sie selten sieht. Schief, gestaffelt, dreieckig, halbrund – die Architektur Chicagos scheint keine Grenzen zu kennen. Ebenso der Lärm im Loop, dem Kern der Stadt. Hier hasten die Leute, die Autos hupen, stehen im Stau, während über ihren Köpfen die Hochmetro fährt. Angebote für jedermann: Jazz- und Bluesbars, ein Rockkonzert im Milleniumpark, Aussicht vom höchsten Wolkenkratzer der USA, Planetarium, Kunstmuseum – alles gibt es hier. Und in Grossformat: Timo braucht eine dreiviertel Stunde, um sich mit den Gebäudlichkeiten des Kunstmuseums vertraut zu machen. „Diese Stadt kommt nie zur Ruhe“, sagt er, als wir uns am Abend ein Lokal suchen.

Ein Afroamerikaner – wohl so in seinen Fünfzigern – tritt an unseren Tisch. „My name is George“, stellt er sich vor. „I’m your waiter and this is a stressfree zone.” Da trifft er ja wohl ins Schwarze, denke ich, schaue hoch und blicke in ein lachendes Gesicht. George hat Schalk in den Augen und ein ganz eigenes Strahlen – er scheint seinen Job mit Herz zu machen. “Oder er ist Christ”, denke ich. “Das kann Menschen auch so zum Strahlen bringen.” Ich bin versucht, ihn danach zu fragen, verkneife es mir aber. George nimmt seinen Job ernst. Nachdem er uns Menükarten in die Hand gedrückt hat, kommt eine längere Beschreibung verschiedener Angebote. „In this California Burger“, setzt er an, „is an awful lot going on.“ Er erklärt im Detail das Innenleben dieses Burgers – der erstaunlicherweise nicht der Teuerste auf der Karte ist – und schliesst mit der Feststellung, in diesem Burger würden sich also Schweine- und Rindsfleisch vereinen. Das ideale Menu für einen hungrigen Magen. Timo folgt der Empfehlung des Hauses.

Als wir abends in unseren Vorortsbummelzug einsteigen, werden unsere Taschen auf unerlaubte Gegenstände hin kontrolliert. Ausser einer Wasserflasche und unserem Lonely Planet finden die Securitasmänner nichts. Leider: Wir hätten dringend unsere Windjacken gebraucht. Der Zug wird auf gut und gerne 15 Grad runter klimatisiert. Es ist wie so häufig – der erste Eindruck war wohl doch nicht vollständig. Selbst in diesen gemütlichen Winkel Erde haben Technik und moderne Sicherheitsvorkehrungen Einzug gehalten, selbst hier kann das Leben nicht einfach beim Alten bleiben…

Weite

Dienstag, den 22.6.2010

Mir ist, als würde ich aus einer Trance erwachen. Lange Zeit haben Hanna und ich einfach geschwiegen. Schon seit Stunden musste ich weder die Geschwindigkeit wechseln noch lenken und langsam ziehen die Meilen weiter dahin. Es ist fast wie fliegen. Ganz unwillkürlich schaue ich auf unser Navi, noch immer fahren wir wie auf einem Strich direkt nach Osten: Keine Kurven, keine Abzweigungen, keine Dörfer. Nur Weite. Hügel und Felder soweit das Auge reicht. Am Horizont fließen Himmel, Straße und das satte Grün ineinander. Ab und zu erblicke ich eines der schönen alten roten Farmhäuser, wie sie sich malerisch in die Landschaft setzen. Dieses Land scheint trotz seiner sanften Hügel einfach unendlich. Am Horizont gibt es keine Berge oder Bäume oder Häuser. Obwohl ich den Westen der USA gesehen, Wochen an der Pazifikküste verbracht habe und quer durch die Rocky Mountains gefahren bin, erkläre ich Montana und North Dakota im Stillen zu den schönsten Flecken Erde, die ich bisher auf unserer Reise gesehen habe. Jeder Versuch, diese Weite mit der Kamera aufzunehmen, muss scheitern und ich präge mir die Landschaft tief im Herzen ein.

Unendlich viel und doch zu wenig

Montag, den 21.6.2010

„In 768 Kilometern rechts abbiegen“ – die Kilometerangaben des Navis steigen in bisher ungekannte Höhen. Unser Ziel, so weiss es anzugeben, sei in 1325 Kilometern. Dass das Ziel nur ein Zwischenziel ist und die 1325 Kilometer lediglich ein Bruchteil der Strecke, die wir vor uns haben, weiss das gute Gerät aber nicht. Soviel haben wir ihm noch nicht verraten.

„Ich würde sagen, wir nutzen den Tag aus und fahren noch etwas“, sagt Timo, als wir Calgary verlassen. Es ist etwa 18h, doch wir schreiben den längsten Tag des Jahres und so können wir noch für einige Stunden mit Helligkeit rechnen. Also fahren wir zu, immer geradeaus. Das Brummen des Motors, der Fahrtwind an unserer Windschutzscheibe und das Rollen der Räder auf dem Asphalt begleiten die schweigende Fahrt. Langsam nimmt das Licht ab, die scheinbar letzten Sonnenstrahlen tauchen die Dinge um uns herum in orange Farbtöne. Nur die bleigrauen Wolken, die vor uns am Himmel hängen, scheinen von der Sonne nichts ab zu bekommen. Je näher wir ihnen kommen, desto schneller wird es Nacht. Leichter Regen setzt ein.

„Wir könnten uns langsam nach einem Campingplatz umschauen, was meinst Du? Es ist schon nach acht und bald fahren wir in die Zeitumstellung rein, dann ist schon nach neun.“ „Hm.“ Timo scheint von der Idee nicht sonderlich überzeugt. Doch wir kommen nicht dazu, das Thema weiter zu besprechen. „Was ist das?“ Timo bremst scharf ab. Der Highway vor uns ist mit Tonnen versperrt, zwei Männer in grellgelben Anzügen halten die Autos an. Wir kurbeln das Fenster runter. „Hello guys“, begrüsst uns einer der beiden freundlich. „Where are you heading for?“ „Winnipeg“, antworten wir. „Well, the highway is closed, you have to make a detour“, informiert er uns. „Go here on the 41 North to Oyen, then turn right and take the road number 9. It will soon afterwards become number 7. In Rosetown you make again a rightturn, take road number four and it will bring you back to this highway.“ Ich bin beeindruckt von dieser persönlichen Routenberatung in Dämmerung und Regen. Wir würden ein Quadrat fahren, fügt der Herr bei. „Hm, is there a Campsite on the 41?“, frage ich. „Yes, in Bruce“, kommt die Antwort. „In around 100 Kilometers.“ Oh, so weit hatte ich mir diese Umfahrung nicht vorgestellt. „By the way: Do you have enough fuel?“, schiebt der Mann nach. „Yeah“, sagt Timo mit Blick auf den Tacho. Wir haben erst vor etwa zwei Stunden getankt. „Well, where is the next gasstation?“, frage ich zur Sicherheit nochmals nach. „In 300 Kilometers.“ Timo und ich schauen uns an. Nein, soweit reicht unser Tank wohl nicht. Timo macht einen letzten verzweifelten Versuch, dem Umweg auszuweichen: „Will the highway be open tomorrow?“ „Oh no! The work will take weeks! The rain was too heavy, the highway has basicly gone.“ Nach unendlich viel Strasse nun also ein bisschen Strasse zu wenig…

Wir halten Kriegsrat. Die kleine Umfahrung, die wir hier spätabends serviert bekommen, ist knapp vierhundert zusätzliche Kilometer. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass es keine kürzere Variante gibt. Ausser, wir würden jetzt direkt in die USA runterfahren – aber dazu müssten wir noch einige Kilometer auf dem Highway 1 weiterfahren dürfen. Timo geht mit dem Herrn in Grellgelb nochmals sprechen. Nach einem Funk mit einem ebenfalls grellgelben Herrn einige Kilometer weiter auf dem Highway 1, an der Kreuzung zur 41 Süd Richtung USA, haben wir die Erlaubnis. Bei fortgeschrittener Dämmerung umfahren wir die Tonnen und arbeiten uns weiter auf dem Highway. Links und rechts der Strasse stehen in unregelmässigen Abständen Felder unter Wasser, ein umgefallenes Haus. Matsch auf der Fahrbahn zeugt davon, dass auch die Autobahn unter Wasser gestanden hat. An der Kreuzung zur 41 Süd werden wir vom angefunkten Herrn in Grellgelb nochmals beraten: An manchen Stellen sei die 41 weggebrochen, an einer Stelle würde gerade gearbeitet, also bitte vorsichtig fahren. Der Grenzposten schliesse um 21h, aber wir könnten ja in unserem Auto schlafen. Damit sind wir entlassen.

Es ist inzwischen Nacht. Der Regen hat wieder aufgehört, manchmal bricht der Mond durch die Wolken und erleuchtet die Landschaft um uns herum. Felder, Gras – Fläche ohne Ende. Nach einer halben Stunde, lässt uns ein Schild wissen: „No Services, no residences for 134 Kilometers.“ Wir sind im grossen Nichts, den Great Plains. Und wir sind allein. Niemand sonst kommt in dieser Nacht auf die Idee, über eine leicht zerstörte Strasse durch Niemandsland zu einem geschlossenen Grenzübergang zu fahren. Nur die Stimme von Amanda Marshall aus den Lautsprechern ergänzt das Brummen der Motoren, den Fahrtwind und das Rollen der Räder. Die Sicht ist schlecht, der Tiere hier draussen viele. Dreimal muss Timo wegen Rehen bremsen, etwa fünfmal wegen Vögeln, die in letzter Minute von der Fahrbahn losflattern und unserer Windschutzscheibe gefährlich nahekommen.

Etwa eineinhalb Stunden dauert die Fahrt durch Nacht und Niemandsland bis uns endlich die Lichter des Grenzpostens begrüssen. Nur das Geräusch der kanadischen Flagge, die im Wind gegen die Fahnenstange klatscht, leistet uns hier draussen beim Einschlafen Gesellschaft.

Unsere Alten

Freitag, den 18.6.2010

Ich sitze auf einem Sofa in einem gemütlichen Wohnzimmer, indianische Bildkunst schmückt die Wände. Timo und mir wurde das Haus überlassen mit der Einladung, es von Waschmaschine bis Kochherd nach Belieben zu nutzen. Unsere grosszügigen Gastgeber sind “unsere Alten”, so jedenfalls nannten wir sie, als wir ihre Namen noch nicht kannten.

Sharleen, Wally und Wayne, alle drei in ihren Sechzigern und damit unter den “Alten” auf dem Trail. Alle drei naturverbundene Westküstler, die es sich trotz ihres Alters nicht nehmen lassen, den Westcoasttrail zu machen. Alle drei Kämpfernaturen, die ihre langsameren Schritte beim Wandern mit längeren Wanderzeiten ausgleichen und auch einmal von 7h früh bis 9h abends unterwegs sind. Alle drei dankbar für kleinere Hilfestllungen der jüngeren Generation beim Überqueren von Bächen oder Cablecar-Fahren.

Unsere Alten, das sind Sharleen – eine Psychologin, kirchlich sehr engagiert, deren nächstes grosses sportliches Ziel die Besteigung des Kilimanjaros ist; Wally, ihr Mann, seit einigen Jahren Diakon in der anglikanischen Kirche, hauptberuflich aber in Verhandlungen zwischen First Nations (Indianern) und Weissen tätig. Und Wayne – ein Kanadier schottischer Abstammung, der dreissig Jahre mit schwer erziehbaren Kindern gearbeitet hat und sich seit seiner Pensionierung in einem freiwilligen Rettungsteam betätigt, das Leute aus irgendwelchen abgelegenen Höhlen, Sümpfen oder Wäldern befreit. Ein Mann, der sich am ersten Tag auf dem West Coast Trail bei einem Sturz zwei Rippen gebrochen hat und die nächsten sieben Wandertage unter einer Hochdosis an Schmerzmitteln bestreitet, das aber keiner Erwähnung wert findet.

Zum Dank für unsere Unterstützung lud uns Wayne dann gestern zum Abendessen in das einzige Lokal ihres Ortes ein. “We called the three of you “our elderly”", gestand ich ihm beim Essen den Spitznamen, den Timo und ich den dreien gegeben hatten. “I don’t feel old”, sagte er mit einem Lächeln. Mir kamen Wallys Worte vom Vortag in den Sinn: “I still want to do this trail with 75.” “And still with 85″, hatte Wayne ergänzt.